Anonyme Netze
Publius
Parallel zum Web eine Möglichkeit zu schaffen, anonym
publizieren zu können, ist das Ziel des Projekts
Publius. Auch Publius verwendet eine Proxy-Konstruktion
um sein Ziel zu erreichen. Die Software kann auf einem
entfernten Rechner angesprochen, aber auch lokal installiert
werden. Für den Anwender funktioniert Publius nach dem
gewohnten Modell: im Browser klicken und lesen. Ähnlich
einfach gestaltet sich das Publizieren. Dabei verwendet die
Software kryptographische Methoden, um das Dokument
abzusichern. Der Text wird chiffriert und der
Chiffrierschlüssel anschließend so in Teile zerlegt, dass
sich aus einer bestimmten Anzahl von Teilen der
ursprüngliche Schlüssel wieder herstellen lässt. Die
Software sorgt dann für die Lagerung des Dokuments mit den
Einzelteilen des Schlüssels auf verschiedenen Servern. Um
den Text wieder lesbar zu machen, muss die Software einmal
das Dokument holen. Zusätzlich benötigt sie eine ausreichend
große Zahl von Schlüsselteilen, um den ursprünglichen
Schlüssel wieder herzustellen und das Dokument zu
dechiffrieren.
Publius schafft mit diesem Vorgehen ein relativ hohes Maß an
Ausfallsicherheit. Selbst wenn einige Server ausfallen
sollten, bleibt das Dokument an anderen Stellen erhalten und
auch sein Schlüssel lässt sich immer noch rekonstruieren.
Mit der Verschlüsselung der Dokumente stellt das System
zudem sicher, dass die Administratoren der beteiligten
Rechner nicht wissen können, was sie lagern. Letztlich räumt
Publius den Autoren durch die zusätzliche Absicherung mit
Passworten auch weiterhin Einfluss auf ihre Texte ein: Sie
können sie verändern oder löschen.
Die bisherigen Erfahrungen mit dem Projekt fasst Marc
Waldman, einer der Autoren der Software, so zusammen:
"Publius erlebte eine zurückhaltende, wenn auch stetige
Benutzung - meistens Nachfragen nach Dokumenten." In einem
im November 2001 erschienen Bericht umreißt Waldman zusammen
mit seinen Ko-Autoren Aviel Rubin und Lorrie Cranor einige
mögliche Ergänzungen für Publius. So könnten Autoren die Möglichkeit
erhalten, ihre Veröffentlichungen bei einem Index
anzumelden, damit Außenstehende einen Eindruck bekommen
können, was im Publius-Netzwerk lagert.
Freenet
Während Publius sich noch deutlich am Web orientiert,
schlägt das Projekt Freenet eine vollkommen andere Richtung
ein. Freenet realisiert ein Peer-to-Peer-Netzwerk. In
Peer-to-Peer-Netzwerken entfällt die harte Unterscheidung
von Client und Server (der Client, etwa das E-Mail-Programm,
erfragt eine Leistung - eine E-Mail zustellen - und der
Server erledigt sie). Statt dessen übernehmen die
beteiligten Rechner beide Rollen. Sie stellen selbst
Anfragen und beantworten die Anforderungen anderer. Das
bekannteste Peer-to-Peer-Netzwerk dürfte Gnutella sein. Das
entscheidende Merkmal des Netzes besteht darin, keinen
zentralen Punkt zu kennen über den die Kommunikation
läuft. Es handelt sich um ein "verteiltes Netz", das einen
hohen Grad an Stabilität aufweist. Auch wenn einzelne Knoten
ausfallen, ist die Kommunikation gewährleistet. Erkauft wird
die Stabilität mit Einbußen bei der Leistungsfähigkeit, weil
Bandbreite unter anderem für Kontrollinformationen verloren
geht.
"Freenet" sieht die hohe Stabilität in
Peer-to-Peer-Netzwerken als Vorteil und baut darauf auf. Es
erweitert jedoch die Mechanismen, um daraus ein
eingriffsresistentes Netzwerk zu machen. Bei Publius haben
die Autoren Einfluss auf jene Daten, die sie dem Netz zur
Verfügung stellen. Sie können ihre eigenen Daten hinzufügen,
verändern und löschen. Freenet erlaubt den Nutzern zwar,
Daten in das Netz zu speisen, entzieht sie dann aber
weitgehend ihrer Kontrolle. So können Autoren aktualisierte
Fassungen bereitstellen, aber die älteren Versionen ihrer
Arbeiten bleiben erhalten. Um die Menge des Inhalts trotzdem
in Grenzen zu halten, werden wenig nachgefragte Inhalte nach
einiger Zeit gelöscht.
Daten werden auch bei Freenet verschlüsselt und über das
Netz verteilt. Wie die Server bei Publius wissen die
einzelnen Teilnehmer unter diesen Umständen nicht, was von
dem Angebot im Freenet von ihrem eigenen Rechner
stammt. Zugleich anonymisiert Freenet weitgehend sämtliche
internen Prozesse: Es erschwert den Aufschluss darüber, wer
Informationen einspeist und wer sie abruft.
Auch bei Freenet kann der Browser als Benutzeroberfläche
dienen und über einen Proxy den lokal laufenden
Freenet-Server ansprechen. Darüber lassen sich in vom Web
gewohnter Weise Inhalte erreichen: Jede Datei im Freenet ist
mit einem Schlüssel verbunden, der gleichzeitig als URL
dient. Die Schlüssel können durchsucht und die Treffer
angefordert werden. Dabei werden die Suchanfragen wie im
Gnutella-Netzwerk von Knoten zu Knoten weitergereicht.
Ende 2001 bietet Freenet den Beweis, dass das Konzept
funktioniert. Allerdings steckt in der Version 0.4 der
Software ein schwerer Fehler, der die effektive Benutzung
ohne Hintergrundkenntnisse unmöglich macht. Trotzdem schätzt
Ian Clarke, der Initiator und Ideengeber, die Beteiligung
auf 200 bis 1000 Rechner. Die Entwicklung von Freenet folgt
dem Open-Source-Modell und hat mit den eigenen hochgesteckten
Zielen zu kämpfen: "Niemand hat bisher ein Projekt wie
Freenet umgesetzt. Wir versuchen nicht nur Software für den
allgemeinen Gebrauch herzustellen. Freenet ist auch ein
Forschungsprojekt, dass einige der jüngsten Ideen der
Informatik verwendet", so Clarke.