Einleitung
"Wenn meine Tochter 18 wird, dann erwarte ich von meinem
Autohändler, dass er mir von sich aus ein Angebot über einen
ordentlichen Gebrauchtwagen unterbreitet", ließ sich Erwin
Staudt, Chef von IBM Deutschland im Herbst 1999 vernehmen.
Diese Auffasung mag nicht jedermanns Sache sein, zumal der
Autohändler für sein Angebot gleich eine ganze Reihe von
Daten benötigt. Er muss wissen, dass sein Kunde eine Tochter
hat, deren Geburtsdatum kennen, die Kaufkraft seines Kunden
einschätzen können und die Einschränkung auf Gebrauchtwagen
vornehmen. Neben den offensichtlichen Anforderungen stecken
in dem Zitat auch Voraussetzungen für die Arbeit des
Händlers. Er muss seinen Kunden als jemanden bewerten, der
seiner Tochter ein Auto zum Geburtstag schenkt, und er muss
eine Vorstellung davon haben, was sein Kunde unter
"ordentlich" versteht. Der Autohändler sollte also eine
Kundendatenbank führen, die ihm Customer Relationship
Management, die Pflege der Kundenbeziehungen,
ermöglicht. (Datenbank und entsprechende Software gehören
übrigens zur Angebotspalette von IBM, aber das nur
nebenbei.)
Alptraum Reklame
Warum werden solche Szenarien überhaupt entworfen? Die
einfachste Lösung wäre, beim Autohändler anzurufen und
entsprechende Angebote einzufordern. Doch die Reklame
verfolgt den Traum, einen Kunden zum Kauf zu motivieren. Die
Motivation funktioniert um so besser, so die Vorstellung der
Werber, je mehr der Werbende über seine potenziellen Kunden
weiß, und je besser er den geeigneten Zeitpunkt trifft. Das
Internet soll die effizienteste Form der Reklame überhaupt
ermöglichen: auf einer exzellenten Basis von Kundendaten
ließen sich die real existierenden Bedürfnisse der
Kundschaft präzise ansprechen.
Beflügelt wird dieser Traum durch die Möglichkeiten des
Internet. Die Anwender hinterlassen Datenspuren aller Art,
die sich vielfältig auswerten lassen. Den Nutzern bieten
sich dagegen Wege, die eigenen Spuren unkenntlich zu machen
und letztlich sogar vollständig anonym aufzutreten. Die
Abstufungen zwischen dem Bemühen, Daten zu vermeiden und
ihrer absoluten Form, vollkommen gesichtslos aufzutreten,
sind für sich genommen graduell. Die Konsequenzen sind
jedoch radikal verschieden.
Es mag im Fall der Werbung unmittelbar verständlich sein,
den Werbern möglichst wenig Anhaltspunkte zur eigenen Person
zu liefern. Denn jedes hinterlassene Datum kann zum
Boomerang "einer einmaligen Gelegenheit" werden, die
dann den Briefkasten verstopft.
Warum nicht anonym?
Doch warum sollte jemand Anonymität anstreben? Handelt es
sich nur um Wichtigtuerei? Äußert sich da eine überspannte
Eitelkeit in übertriebener Wertschätzung der eigenen Daten?
Solche Fragen verkennen das eigentliche Problem. Im
täglichen Leben bewegen sich die meisten Menschen
anonym. Städtische Verkehrsbetriebe verlangen für das Fahren
mit Bus oder Bahn keine Kundennummer. An der Supermarktkasse
erwarten die Kassierer nur das Geld, keinen Ausweis. Auch
die Zufallsbekanntschaft am Kneipentresen beginnt ohne
förmliche Vorstellung. Anonymität ist im täglichen Leben die
Regel und nicht die Ausnahme. Sie ist allerdings so
selbstverständlich, dass sie überhaupt nicht auffällt.
Anonymität stellt sich im Netz nur sehr viel eher als
Problem heraus, weil sie sich nicht von selbst ergibt. Sie
muss durch spezielle Maßnahmen erst hergestellt werden.
Die Frage muss gerade im Internet also nicht lauten: "Warum
anonym?" sondern: "Warum nicht anonym?".