Kleiner Markt, große Ideale
Das Engagement für anonyme Kommunikationslösungen speist
sich aus höchst unterschiedlichen Motiven. Bei Freenet gab
die Befürchtung den Ausschlag, das Internet könne in genau
dem gleichen Maße Meinungsfreiheit einschränken, wie es sie
jetzt befördert. Allzu zahlreich seien die Möglichkeiten,
die einzelnen Nutzer auszuspähen und zu überwachen.
Publius entstand aus der Reaktion auf die weltweiten
Bestrebungen, Meinungsfreiheit im Internet
einzuschränken. Dementsprechend verweist schon der Name auf
die gute Tradition anonymer Veröffentlichungen: Unter dem
Pseudonym Publius überzeugten drei Autoren, darunter auch
der spätere vierte Präsident der USA, James Madison, die New
Yorker davon, die geplante Verfassung der USA
anzunehmen. Die Artikelsammlung der "Federalist Papers"
dient heute noch der Auslegung der amerikanischen
Verfassung.
Handlungsspielräume vergrößern
Verdanken sich Freenet und Publius mehr einer Abwehrhaltung,
zielen Mixmaster und Remailer aus dem Cypherpunk-Umfeld eher
auf eine Umsetzung ihrer libertären Vorstellungen. Die
Software soll den Handlungsspielraum der Einzelnen
erweitern, ohne dass Rücksicht auf eine Gemeinschaft
genommen werden müsste. Das Vorgehen der Cypherpunks hat
Methode. Das Internet als weltumspannendes Netzwerk
unterliegt keiner einheitlichen staatlichen Regelung. Die
Inhalte auf einem bestimmten Rechner müssen nur die Gesetze
des Landes, in dem er steht, berücksichtigen. Aus Sicht der
Cypherpunks bietet sich durch das Internet die Möglichkeit,
für jedes Vorhaben die rechtlich geeignete Umgebung zu
suchen. Aus der Vernetzung der verschiedenen Nischen ergibt
sich dann die größtmögliche Handlungsfreiheit.
Wie so etwas aussehen kann, zeigte die Firma C2Net. Sie
entwickelte einen Web-Server namens Stronghold, der
kryptographische Methoden zur Sicherung der Kommunikation
einsetzt. Da die USA lange Zeit den Export von
Verschlüsselungssoftware untersagte, gründete die Firma mit
Hauptsitz in Oakland, Kalifornien, Dependancen außerhalb der
USA. Dort wurden die kryptographischen Module entwickelt und
der weltweite Vertrieb geregelt.
Idealerweise stehen Cypherpunk-Systeme dort, wo ein
Maximum an Freiheit gewährt ist, weil kein Staat mit seiner
Rechtsprechung regelnd eingreifen kann. Im Sommer 2000
eröffnete daher mit "HavenCo" die erste "Datenoase" auf
Sealand, einer ehemaligen Ölbohrplattform zehn Kilometer vor
der englischen Küste. Natürlich betreibt HavenCo auch einen
Remailer.
Kränkelnde Geschäftsmodelle
Die politische Motivation bleibt vorerst der Motor der
Entwicklung, denn das Geschäft mit der Anonymität kränkelt
bislang. So steht das Geschäftsmodell von Anonymizer und
Rewebber, den Schutz der Privatspäre als Dienstleistung zu
verkaufen, auf wackligen Füßen, und die Firma Safeweb stellte
im Sommer 2001 bereits ihren Dienst ein: Einschlägige
Listen führen anonymisierende Proxies, die umsonst
verfügbar sind, gleich hundertfach auf.
Auch das deutlich ambitioniertere Vorhaben "Freedom" von
Zero Knowledge Systems (ZKS) wurde im Herbst 2001
zurückgefahren. ZKS kombinierte die Anonymisierung mit einer
Verschleierung der Verkehrsdaten durch den Einsatz eines
Mix-Netzes. ZKS stellte den Betrieb des Netzes ein und
beschränkt sein Angebot jetzt auf lokal zu
installierende Werkzeuge.
In einem Interview mit Wired News meinte der Mitgründer von
ZKS, Austin Hill: "Ich glaube, dass es sich insgesamt
gesehen um einen sehr kleinen Markt handelt." Im Fall von
ZKS mag die geringe Nachfrage auch darin begründet sein,
dass der Unterschied von "Freedom" zu Anonymizer vorläufig
schwer zu vermitteln ist. Mit der flächendeckenden
Einführung der neuen Version des Internet-Protokolls (IP
Version 6) könnte der Bedarf schlagartig steigen. Die
Adressen der Netzknoten werden dann automatisch die
eindeutigen Nummern der Netzwerkkarten des jeweiligen Geräts
beinhalten. Einen herkömmlichen PC mögen sich noch
verschiedene Nutzer teilen. Ein netzwerkfähiger
Kleinstcomputer, ob als Handheld oder im Mobiltelefon wird
jedoch eindeutige, personengebundene Spuren hinterlassen.