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onymität im Netz

 

Unterstützung im real life

Außerhalb des Internet Unterstützung für Anonymität im Netz zu finden, erweist sich als schwieriges Unterfangen. So stehen bei den Volkshochschulen noch Veranstaltungen wie "Erste Schritte am PC" oder "Einführung in das Desktop Publishing" im Vordergrund. Wer sich über Datenschutzthemen informieren möchte, wird fast vollständig enttäuscht. Allenfalls die Anleitung zur fragwürdigen Installation einer lokalen Firewall geht zumindest in die Richtung, den Rechner besser absichern zu wollen.

Ähnlich verhält es sich im Bereich der Behörden. Im Frühjahr 2002 übernahm die Bundesakademie für öffentliche Verwaltung (BAköV) die Schulungs- und Weiterbildungsaufgaben für Behördenmitarbeiter vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Dem BSI bleibt der Auftrag, den Bundesdatenschutzbeauftragten in technischen Fragen zu beraten. Bei der BAköV hingegen befindet sich das Angebot im Bereich Informationstechnik noch im Aufbau. Und auch dort wird es allenfalls im Rahmen der IT-Sicherheit abgehandelt werden.

Nur an den Schulen zeigt sich ein etwas anderes Bild. Zumindest für die Gymnasien sehen die Informatik-Lehrpläne aller Bundesländer Datenschutz als Unterrichtsthema verbindlich vor. Inhaltlich zielen die Vorschriften zum einen auf eine Beschäftigung mit den entsprechenden Gesetzen. Zum anderen stellen die Lehrpläne den Zusammenhang von Datenschutz und Datensicherheit her. Gemeint sind damit Mechanismen der Zugriffsberechtigung oder der Missbrauch von Datenbanken. In Schleswig-Holstein sollen dann in Klasse 13 "Sicherheitsaspekte der Nutzung des Internets" behandelt werden. Die Praxis sieht allerdings, nach Auskunft eines Lübecker Lehrers, häufig anders aus. Meist richtet sich die Unterrichtseinheit zum Datenschutz nach den speziellen Kenntnissen der jeweiligen Lehrer, verrät sein Hamburger Kollege. Ob die Schufa thematisiert, der Datenschutzbeauftragte eingeladen oder Anonymität besprochen wird, liegt also im Ermessen der Lehrer.

Datenschutz am Arbeitsplatz

Anonymität gehört auch in der Arbeitswelt zu den vernachlässigten Themen. Die Unternehmen legen zwar sehr viel Wert auf die IT-Sicherheit, aber damit meinen sie in erster Linie den Schutz ihrer Infrastruktur. So führt Martin Lesser von Better-Com bei Schulungen häufiger vor, welche Informationen seine Zuhörer beim Surfen preisgeben. Damit sorgt er zwar für ein Aha-Erlebnis, eine Nachfrage nach weitergehenden Kenntnissen provoziert er damit jedoch nicht. Zudem ist den Unternehmen an der Anonymität ihrer Mitarbeiter häufig gar nicht gelegen, weil sie deren Aktivitäten gerne überprüfen oder gezielt einschränken möchten. Daher hat die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di eine Kampagne "Online-Rechte für Beschäftigte" ins Leben gerufen. Sie soll dazu führen, dass der Datenschutz für Arbeitnehmer gesetzlich verankert wird. Zu den Schwerpunkten der Aktion gehört auch der Schutz vor den Schnüffeleien durch Vorgesetzte. Anonymität sei in diesem Rahmen zwar interessant, aber noch nicht berücksichtigt worden, so Cornelia Brandt, die das Projekt bei ver.di leitet.

Inwieweit das Bemühen der Gewerkschaft von Erfolg gekrönt sein wird, lässt sich noch nicht absehen. Gerade am Arbeitsplatz ist die Verfügungsgewalt der Anwender über den Rechner oft genug begrenzt. Wenn sie dort zusätzliche Software zur Sicherung ihrer Privatsphäre installieren möchten, kommt es zu Interessenkonflikten, wie der Journalist Burkhard Schröder erzählt. Schröder führt auch Schulungen für seine Journalistenkollegen durch und muss vor Ort häufiger die Erfahrung machen, dass ihm ein "jungfräulicher PC zur Verfügung gestellt wird." Den richtet er für die Schulung ein "nur um am Ende zuzusehen, wie die Administratoren ihn wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen." Es sind die von den Administratoren entworfenen Richtlinien für die Arbeitsplatzrechner, die den Einsatz von Software zur Sicherung der Privatsphäre verhindern; denn die IT-Abteilung ist vor allem an pflegeleichten Computern interessiert. Zusätzliche Software vermehrt für sie nur die Anzahl der Fehlerquellen, die wiederum ihren Zeitaufwand für die Betreuung erhöhen.

Zuletzt bleiben außerhalb des Netzes nur die klassischen Medien übrig, wenn es um Fragen der Anonymität geht. Die Computer-Zeitschriften, wie etwa c't, greifen das Thema immer wieder auf und informieren über neue Entwicklungen. Im Buchmarkt sticht das Buch "Datenjagd im Internet" von Christiane Schulzki-Haddouti hervor. Die Autorin gibt darin einen weit gespannten Überblick beginnend bei den Motivationen für die Datensammelei, über die Möglichkeiten des Schutzes der persönlichen Daten bis hin zu den Auseinandersetzungen, die sich immer wieder am Datenschutz entzünden.

Die insgesamt eher unbefriedigende Situation in Bezug auf Hilfestellungen zur Anonymität zeigt es an: Anonymität wird derzeit allenfalls von Spezialisten thematisiert. Dafür dürfte eine ganze Reihe von Gründen verantwortlich sein.

Das Paranoia-Problem

Eine erste Barriere lässt sich im "Paranoia-Problem" ausmachen. Bevor Anonymität durch technische Maßnahmen hergestellt wird, müssen sich die Anwender zu einer Verschiebung ihrer Wahrnehmung durchringen. Anstatt eine Web-Seite einfach anzufordern, wäre mit dem Aufruf die Frage verbunden, welche persönlichen Informationen diesen Mausklick begleiten. Voraussetzung dafür ist ein generelles Misstrauen. Misstrauen gegenüber der eigenen Software, zunehmend auch gegenüber der Hardware und gegenüber den Anbietern von Inhalten im Internet. Aus der Alltagsperspektive betrachtet, ist diese Haltung mindestens ungewöhnlich. Den Eindruck, hier mit einer Spielart des Verfolgungswahns konfrontiert zu werden, verstärken jedoch auch die Einführungen in das Thema. Anhaltspunkte finden sich bereits in den ersten Einführungen, wie in André Bacards noch von 1996 stammender FAQ zu Remailern. Im letzten Abschnitt, den er treffend mit "Nur für Paranoiker" überschreibt, spielt er durch, wie der Benutzer eines Remailers sicher gehen kann, anonym zu bleiben. Schrittweise erörtert Bacard mögliche Schwachstellen im Verfahren der anonymen Übermittlung und zeigt die jeweilige Lösung auf. Damit verdeutlicht er zwar das Konzept der anonymen Remailer, demonstriert aber gleichzeitig, dass er seine Überschrift ernst meint.

Eine andere Ursache für das Mauerblümchendasein der Anonymität besteht in ihrer Wahrnehmung als Appendix der IT-Sicherheit. Damit legt sich der Schleier des scheinbar Schwierigen und Komplexen über das Thema. Schon bei der Abwehr von Viren fehlt größtenteils das Verständnis, welche Maßnahmen hilfreich sind. Wenn die Anwender es vorziehen Placebo-Software wie Personal Firewalls auf dem heimischen PC zu installieren, anstatt die überflüssigen Dienste des Betriebssystems abzuschalten, zeigen sie mehr ihren guten Glauben an die Software-Hersteller als ihre Kompetenz in Sicherheitsfragen. Anonymität mit ihren möglichen Anforderungen an Verschlüsselung liegt aus dieser Perspektive in weiter Ferne.

Dazu gesellt sich die Schwierigkeit der Vermittlung. Abgesehen von dem ohnehin in jedem Computer-orientierten Gespräch vorherrschenden Techno-Pidgin, stellt sich gerade beim Thema Anonymität immer wieder der unnötige Zusammenhang von Anwendung und Konzept dem Verständnis entgegen. Bacards bereits angesprochene Darstellung der anonymen Remailer liefert das Muster dafür. Bei ihm erscheint es notwendig, die Überlegung, die zu anonymen Remailern geführt hat, nachzuvollziehen, um sie selbst nutzen zu können. Jüngere Projekte wie JAP folgen diesem schlechten Beispiel und schlagen bei den Erläuterungen zum Programm einen überaus umständlichen Weg ein. Die damit einhergehende Unterstellung lautet, Anwender müssten erst das Konzept des Chaum'schen Mix begreifen, um JAP sinnvoll einzusetzen. Für Freaks und Fachjournalisten oder mit dem Projekt befasste Entwickler und Wissenschaftler mag diese Form der Ansprache korrekt sein. An den normalen Anwendern geht sie vorbei, denn die fragen sich zurecht: Muss ich wirklich das Rezept kennen, um den Kuchen zu essen?